

Herr Schäfer, Sie haben zuletzt in den Emiraten den Erstligisten Al- Ain aus Abu Dhabi trainiert. Wie sieht’s aus, könnten Sie sich eine Rückkehr in die Bundesliga vorstellen?
Winfried Schäfer: Das ist nicht ganz einfach. Wenn man mal eine Weile lang raus war, dann glauben die Leute, man kenne die Liga nicht mehr. Das ist natürlich ein Witz, weil man in der heutigen Zeit ja alle Spiele im Fernsehen anschauen kann und das habe ich auch getan. Es ist aber nicht so, dass ich jetzt zwingend zurück möchte.
Sie sind viel herumgekommen, haben in Deutschland gearbeitet, in Afrika, in den Emiraten. Wo hat es ihnen denn am besten gefallen?
Schäfer: Im Grunde hat mir alles gefallen. Die Bundesliga ist mit den neuen Stadien nach der WM natürlich noch attraktiver geworden. Aber meine Zeit in Afrika als Nationaltrainer von Kamerun waren ebenfalls fantastisch, dort mit tollen Spielern zu arbeiten, etwas aufzubauen. Ich habe in all den Jahren so viel Erfahrung sammeln können, die kann man in keinem Buch erlernen. Das muss man erlebt haben, um es anwenden zu können.
Was für Erinnerungen haben Sie an die Emirate?
Schäfer: Auch das war klasse. Ich bin dort mit Al-Ahli nach 26 Jahren erstmals Meister geworden. Mit Al-Ain habe ich dann drei Pokal-Wettbewerbe gewonnen. Es hat unheimlich viel Spaß gemacht, dort die Entwicklung mitzuerleben. Die Mannschaft war ja ganz unten bevor ich sie nach oben gebracht habe. Sie hatte keinen Nationalspieler gestellt, am Ende waren es dann sechs. Das macht einen schon ein wenig stolz.
Das dürfte auch auf Ihre Leistungen mit Kamerun zutreffen. Afrikanischen Klubs heftete lange der Ruf von Disziplinlosigkeit und Untrainierbarkeit an. War das ein Problem?
Schäfer: Die afrikanischen Länder haben ja nicht alle die gleiche Mentalität. Für alle gilt aber, dass man erst einmal die Spieler für sich gewinnen muss, damit sie an einen glauben. Das geschieht durch Gespräche, durch gutes Training. Ich kann da nicht hingehen und gleich den großen Zampano spielen. Bevor ich nach Kamerun kam hatten die in einem Jahr fünf Trainer. Ich war der sechste und bin dann drei Jahre geblieben. Ich habe das komplette System umgestellt und habe ihnen gesagt: Passt auf, wenn wir so spielen, dann kassieren wir kein Gegentor. Sie haben bis dahin immer die gleichen Tore kassiert, das konnte ich in Videos erkennen.
Und Sie hatten Erfolg.
Schäfer: Ja. Wir haben dann gleich 2001 in Polen 0:0 gespielt. Rigobert Song kam dann in die Kabine und hat gesagt: "Very good tactic!" Ich hatte die Mannschaft gewonnen. Wenn einem das gelingt, dann machen die Spieler auch das, was der Trainer sagt. Man muss ihnen Respekt und Vertrauen entgegenbringen. Mein Problem war immer nur der Minister und nicht die Spieler. Das waren ja alles grandiose Fußballer.
Wie viel fußballerisches Potenzial hat denn der Kontinent?
Schäfer: Ach wissen sie, wenn ich da in Jahun oder Duala aus dem Flugzeug gestiegen bin, dann haben da ein paar Meter weiter schon die ersten Kinder im Sand Fußball gespielt. Manche ohne Schuhe, manche mit Schuhen. Mal mit Pflastersteinen als Tore, mal mit Stöcken. Afrika ist eigentlich ein Paradies für jeden Trainer, um Fußballer zu entdecken und weiterzubringen. Aber man ist von den Funktionären abhängig: Sie wollen alles haben, was sie aktuell auch bekommen können. Sie denken dort nicht an planbare Erfolge in der Zukunft, sie leben nur in der Gegenwart. Dieses Problem mit den Funktionären existiert in ganz Schwarzafrika.
Haben Sie sich demnach auch ein bisschen als Entwicklungshelfer gefühlt?
Schäfer: In gewisser Weise schon. Als ich damals in Kamerun unterschrieben habe, hat der deutsche Fußball-Bund auch einen Vertrag mit Kamerun gemacht. Man hat im Bereich der Trainerausbildung seine Hilfe angeboten. Aber Kamerun hat das nicht in Anspruch genommen. Es gab deutsche, englische und französische Trainer, die die Ausbildung für die Nachwuchstrainer übernommen hätten. Das wäre gar kein Problem gewesen. Aber du musst da immer selbst hinterher sein. Ich habe beispielsweise einmal vier Tage gebraucht, bis der Platzwart einen Rasenmäher aufgetrieben hat. Das Gras war 30 Zentimeter hoch, darauf kann man ja kein Länderspiel austragen. Man hat dann den Greenkeeper aus dem Hotel geholt, damit der Platz einigermaßen gemäht wird. Solche Probleme hatten wir da.
Blicken wir noch schnell voraus auf die WM im Sommer. Wer ist Ihr Geheimtipp, wer ist Favorit?
Schäfer: Naja, zunächst einmal ist es ein wichtiger Umstand, dass dort zur WM Winter ist. Da hieß es, dass die Kälte ein Nachteil für die Brasilianer werden würde. Dann haben die aber den Confed-Cup gegen die USA gewonnen. Aber welches große Team spielt schon gerne Confed-Cup? Brasilien hat natürlich wieder die besten Spieler, das ist eine überragende Mannschaft. Aber ich habe auch die Afrikaner auf dem Zettel. Kamerun und die Elfenbeinküste. Wenn beispielsweise bei der Elfenbeinküste alles passt, der Trainer akzeptiert ist und der es schafft, den Drogba zu Höchstleistungen anzustacheln, dann ist was drin. Ich denke, dass es ein, zwei afrikanische Mannschaften bis ins Halbfinale schaffen können und dann muss man sehen. Es wird jedenfalls eine Überraschung geben.
Wie schätzen Sie Deutschland ein?
Schäfer: Die musst du immer dazuzählen. Sie können sich innerhalb eines Turnieres konstant steigern. Wir Deutschen haben die entsprechende Mentalität. Es benötigt aber auch einen Spieler, der bei so einem Turnier über sich hinauswächst. 2002 war das Oliver Kahn. Vielleicht wird es ja nun Michael Ballack oder ein Toni Kroos. Ich traue dem Team jedenfalls einiges zu.